Maurice, ein schlaksiger, junger Typ, stand in der Küche; Großmutters Schürze hing ihm um den Bauch, und war gerade dabei sich ein Abendessen zu zubereiten. Er liebte es, nach dem anstrengenden Dienst ganz in Ruhe eine Portion Speck mit Eiern zu braten oder sich eine Schüssel Salat zu machen. Die einzigen Speisen, di er ohne größeres Problem auf den Tisch zaubern konnte; zur Not auch noch für Carsten, einen taubstummen Jungen aus seiner Nachbarschaft. Seit sich seine Frau nach nicht ganz einem Jahr Ehe von ihm getrennt hatte, um als Ärztin irgendwo im Dschungel Karriere zu machen, musste er sich wohl oder übel selber helfen, wenn der tägliche Speiseplan nicht nur aus Currywurst und Pommes bestehen sollte.
Kurz nach dem Auszug seiner Frau hatte er
auch Carsten kennen gelernt und angefangen Sprachübungen mit ihm zu
machen. Anders als die meisten Taubstummen seines Alters besuchte er nicht
eine spezielle Schule, sondern war auf Grund eines Erlasses in einer normalen
Schule angemeldet worden. Nebenbei gesagt, Carsten war kein schlechter
Schüler und das machte die Sache so interessant für Maurice.
Als erfahrener Pädagoge hatte er gleich
in den ersten Stunden etwas in dem Jungen bemerkt, dass er zu fördern
gewillt war und um dessen willen er sich fast täglich mit Carsten
traf. Er vermutete, dass Carstens Problem auf einer anderen Eben zu suchen
war.
Jetzt stand er nachdenklich am Herd und wendeten
den Speck in der Pfanne. Das Klingeln der Türglocke schreckte ihn
auf. Als er öffnete, stand Carsten davor. Wie immer war diese Traurigkeit
in den dunklen Kinderaugen.
"Komm herein, Carsten", sagte Maurice.
Carsten trat ein und hängte seine Jacke
über den Stuhl. Sein Blick suchte Maurice' Mund.
"Häng die Jacke draußen an den
Haken und wasch dir die Hände. Das Essen ist gleich fertig."
Gehorsam nahm Carsten die Jacke auf und
tat, was von ihm verlangt wurde. Nach einigen Minuten, kam er zurück
in die Küche und fasste Maurice am Arm. Maurice drehte sich zu ihm
um.
"Was soll ich jetzt machen?", fragten seine
dunklen Augen und flink bewegten sich dazu seine Hände.
"Du kannst schon mal den Tisch decken."
Sein Gesicht signalisierte Verstehen. Maurice
beobachtete, wie Carsten zum Schrank ging und behutsam zwei Teller herausnahm,
dann das Besteck und die Gläser. Er stellt alles auf den Küchentisch.
Mittlerweile waren auch die Eier gar geworden
und Maurice stellte die Pfanne mitten auf den Tisch. Jetzt fehlte nur noch
das Brot. Doch der Brotkorb war leer.
'Das ist mal wieder typisch für dich',
schalt sich Maurice. Er wandte sich zu seinem Schützling und bedeutete
ihm, dass er noch eben Brot holen gehe.
Als er vom Einkaufen wiederkam, fand er den
Jungen in seinem Arbeitszimmer, ganz in ein Buch versunken. Dieser hatte
Maurice' Anwesenheit sofort bemerkt und klappte hastig das Buch zu.
Es war ihm sichtlich peinlich, hier erwischt worden zu sein. Neben seiner
Arbeit als Pädagoge gehörte Maurice einem Arbeitskreis an, die
sich mit Fragen zur Weltpolitik und anderen brisanten Themen beschäftigte.
Er wollte nicht, dass Carsten Zugang zu diesem Material bekam, das ihn
nichts anging. Bereits mehrere Male hatte er ihn aus diesem Zimmer verwiesen
und jedes Mal hatte Carsten ihn mit einer Reihe unartikulierter Laute bedacht
– die Gardinenpredigt eines Taubstummen! Aus irgend einem Grunde war Maurice'
Laune heute Abend so gut, als dass er ihn hätte darum schelten mögen.
"Komm", sagte er. "Gehen wir essen."
Carsten nickte. Maurice verließ das
Arbeitszimmer und wusste, dass Carsten jetzt das Buch wieder zurück
an seinen Platz stellen würde. Er hatte sich nicht die Mühe gemacht
nachzusehen, in welchem der Junge gelesen hatte. Schließlich war
er mit seinen zehn Jahren als genug, um zu entscheiden, womit er sich beschäftigte
und gefährliche Bücher, im Sinn vieler Eltern wirklich gefährliche
Bücher, gab es in seiner Wohnung zu Hauf. Maurice wollte nur nicht,
dass Carsten in seinen Aufzeichnungen und Unterlagen von dem politischen
Arbeitskreis herumschnüffelte. Das war nur wirklich keine Lektüre
für einen Zehnjährigen.
In seinem Innersten hatte Maurice sich vorgenommen,
auf alle Fragen, die Carsten an ihn richten würde zu antworten; doch
das musste er dann doch wieder aufgeben. Er hatte nicht bedacht, wie viele
Fragen Knaben in seinem Alter haben konnten.
Etwas verlegen kam Carsten jetzt aus dem
Arbeitszimmer, ein Buch in Händen. Erst fiel sein Blick auf das Lexikon,
dann sah er den Jungen an.
"Mau – rice...", kam er ziemlich undeutlich
aus Carstens Mund.
Maurice sah ihn erstaunt an. Es war das
erste Mal überhaupt, dass Carsten seine Sprache einsetzt, um sich
mitzutteilen. Noch gestern hatte er versucht ihm klar zu machen, dass die
Menschen sich mit gesprochenen Worten verständigten und nicht mit
den Händen. Seine Reaktion darauf war ein Tobsuchtsanfall gewesen,
gefolgt von einer Trotzhaltung. An eine Unterrichtsstunde war nicht mehr
zu denken gewesen.
"Mau – rice", sagte Carsten wieder.
"Ja, Carsten.", antwortete Maurice und vermied
es dabei ihn anzusehen, um zu verhindern, dass er die Antwort von den Lippen
ablesen konnte. Das Carsten ein verdammt guter Lippenleser war, hatte Maurice
schon sehr früh herausgefunden. Doch wie stand es um sein Gehör?
Bislang hatte er keine Möglichkeit gehabt, das herauszufinden.
"Hast du eine Frage?", begann Maurice das
Gespräch.
"Was ist der KGB?" Langsam und sehr überlegt
kamen die Worte über seine Lippen.
War für ein Problem musste diese Frage
für ihn darstellen, dass er versuchte sich verbal zu verständigen,
schoss es Maurice durch den Kopf.
"Das erkläre ich dir beim Essen.",
entgegnete er und setzte sich an den Tisch und forderte Carsten auf, gleiches
zu tun.
"Der KGB", erklärte Maurice zwischen
zwei Bissen, "ist der russische Geheimdienst. Er arbeitet mit Agenten und
Spionen, um an die Geheimdaten anderer Länder zu gelangen.2
Maurice hoffte, dass Carsten dies als Antwort
genügen würde.
"Mein Vater ist ein KGB-Agent", behauptete
Carsten. Da er gerade den Mund voll hatte, benutzte er wieder die Zeichensprache.
"Woher willst du das wissen?", fragte ihn
Maurice.
Plötzlich wurde ihm klar, wie viel
er von Carsten Eltern und dem Umfeld in dem sie lebten nicht wusste.
"Neulich war ein Mann bei uns", flink bewegten
sich seine Finger, denn die Artikulation der einzelnen Worte bereitete
ihm doch noch erhebliche Schwierigkeiten. "Mein Vater nannte ihn Igor und
sie sprachen Russisch miteinander."
"Woher willst du wissen, dass es Russisch
war. Nur weil du die Sprache nicht verstanden hast, braucht es doch kein
Russisch zu sein." Jetzt hatte Maurice die Neugier gepackt.
"Weil wir es in der Schule lernen", seine
Hände verharrten eine kleine Weile, dann fuhr er fort: "Willst du
es auch lernen?"
Ganz fasziniert von der Thematik der Unterhaltung
war auch Maurice zur Zeichensprache übergegangen.
Langsam begann Maurice das Geschirr abzuräumen,
nicht ohne den Hintergedanken, seinen Händen eine Beschäftigung
zu geben. Zwangsläufig und diesmal ohne Wutanfall und auch ohne jeglichen
Kommentar, ging Carsten wieder zur verbalen Verständigung über.
Das bedeutete zwar, dass Maurice sich die meisten Worte zusammen reimen
musste, aber es gab keinen besseren Lerneffekt für den Jungen.
Während sie zusammen das Geschirr spülten
und wegräumten, erzählte Carsten die Geschichte von seinem Vater
und diesem Igor.
Plötzlich zog er wieder an Maurice Arm
und instinktiv wandte dieser ihm seinen Kopf zu.
"wie spät ist es eigentlich?", fragten
seine Hände ganz aufgeregt.
"Schon acht durch.", entgegnete Maurice.
"Ich muss jetzt gehen, sonst schimpft mein
Vater.", sagten Carstens Hände. "Gehen wir morgen ins Kino?", fragten
sie weiter.
"Na klar, Kleiner.", brummt Maurice und
eh er es sich versah, war Carsten verschwunden.