Eine unvergessliche Nacht
(von R. O'Ghilvy)




Relativ gelangweilt lehnte Michael am aeusserten Ende des Tresens und beobachtete die jungen Menschen, wie sie sich zu dem stampfenden Beatschlag bewegten. Hin und wieder nippte er gedankenverloren an seinem Drink, in dem das Eis schon laengst geschmolzen war.

Heute interessierte ihn dies alles nur sehr wenig. Eigentlich war er auch nicht der Typ von solche Art von Partys. Der Grund seiner Anwesenheit hiess Grit. Grit, die Diplomatentochter. Ein Maedchen aus der wohlhabenden Oberschicht von Muenchen. Grit, in die er so verliebt war.

Sie hatten zusammen ein super letztes Schuljahr erlebt. Fast jeden Tag hatten sie sich gesehen bei den Nachhilfestunden, denn Grit war in allem, was mit Zahlen zusammenhing eine absolute Null. Was fuer ihn, das Mathe-Genie und kontaktscheuen Burschen, als eine reine Zweckgemeinschaft begonnen hatte       , hatte sich langsam ueber die Wochen hinweg zu einer zarten Liebe entwickelt. Der Hoehepunkt, und zugleich das schmerzlichste, was er je erlebt hatte, war die Abi-Abschluss-Party gewesen. Danach hatten sich ihre Wege getrennt. Heute, nach gut einem halben Jahr wollten sie sich auf dieser Sylvesterparty wiedersehen.

Wie sehr hatte er ein Wiedersehen mit seiner Grit herbeigesehnt. Doch wer war bislang nicht erschienen: Grit!

Ploetzlich merkte Michael, dass sich die Stimmung im Saal veraendert hatte. In der Pause zwischen zwei Musikstuecken erfuellte kurzzeitig ein Raunen die Luft und es entstand eine hektische Bewegung in der Menge.

Eine fantastisch aussehende junge Frau ein einem Traum von einem langen Kleid, das mehr enthuellte als es verhuellte, hatte die Tanzflaeche betreten. Mit sehnsuechtigen Blicken schaute Michael zu ihr herueber und dachte dabei an Grit, die sich immer noch nicht hatte blicken lassen. Halbabwesend bestellt er einen weiteren Drink. Er bemerkt kaum, wie der Barmann ihm das Glas hinstellte, denn er beobachtete die unbekannte Schoene, wie sie zur Kapelle hinueber schwebte und einige Worte mit dem Dirigenten sprach.

Ihm stockte der fast Atem, als sie zu ihm herueberkam. Als sie ihn dann auch noch zum Tanz aufforderte, spuerte er, wie sein Herz einen kleinen Aussetzer bekam. Die Kapelle stimmte einen Tango an und ganz gefangen von der Faszination der Melodie legten sie einen feurigen Tanz aufs Parkett. Michael fuehlte tausend gierige Blicke in seinem Ruecken von all den Maennern, die nicht verstehen konnten, warum sie gerade ihn als Tanzpartner gewaehlt hatte. Ehrlich gesagt, verstand er es auch nicht recht. Gegen Ende des Tanzes wisperte sie Michael etwas ins Ohr, was er aber auf Grund der Lautstaerke der Musik nicht verstanden hatte. Durch ein Kopfnicken signalisierte er jedoch seine Zustimmung. Er versuchte sich ueber die Abwesenheit von Grit hinweg zu troesten und stuerzte sich Hals ueber Kopf ins Abenteuer.

Noch bevor die Musik verklang fasst sie ihn an der Hand und verliess mit ihm den Saal. Der Temperaturunterschied liess ihm einen Schauer ueber den Ruecken laufen, als sie ueber die grosse Freitreppe und den Parkplatz zum Auto liefen. Etwas benebelt durch den Alkohol hatte er schnell den Ueberblick verloren, wohin die Fahrt ging. Er bemerkte nur, dass die irgendwann irgendwo anhielt. Er versuchte sich in der Dunkelheit zu orientieren, aber sie fiel wie eine Wilde ueber hin her noch ehe er auch nur ansatzweise etwas hatte herausfinden koennen.
" Oh, Michael", stoehnte sie ihm ins Ohr und knabberte etwas daran herum.
"Grit!" Michael schrie auf und mit einem Male war er wieder ganz nuechtern. "Und ich dachte, du kommst nicht mehr!"
"Hast du mich denn nicht wiedererkannt, Michael? Habe ich mich in der kurzen Zeit so veraendert?", fragte sie erstaunt.
"Vielleicht", antwortete er vorsichtig. "Vielleicht auch nicht." Er sah ihr in die Augen und kuesste sie leidenschaftlich. "Ich glaube, ich war damals so verliebt, dass ich kein reales Bild von dir hatte." Sie kuessten sich wieder. "Kannst du mir verzeihen?"
Grit blickte ihn eine Weile an, dass Michael es schonleicht Angst ums Herz wurde. Sie nickte ihm zu und dann wurde die Rueckbank des Autos zum Schauplatz der schoensten Sache der Welt.
 


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