Sag nischt kejnmol *)
(von R. O'Ghilvy)
Fast geräuschlos glitt der Nachtzug aus der Halle. Der Bahnsteig war leer, bis auf einen einzelnen Mann. Er hatte sich eine Zigarette angezündet und starrte dem Zug nach, dessen rote Schlußlichter rasch kleiner wurden.
Je länger David den verschwindenden Lichtern nachsah, desto heftiger rannen die Tränen über sein Gesicht und er schämte sich ihrer nicht. Wie hatten doch die Ereignisse der letzten Zeit seine Welt verändert! Steine und Brandsätze, die von jungen Radikalen auf die Synagoge geworfen worden waren und ein paar Hetzparolen aus dem Munde von Kindern, die von der braunen Gewalt fasziniert waren, hatten den Streit zwischen ihm und seinem Vater erneut aufs heftigste aufflammen lassen, und der durch die Abreise seines Vaters ein jähes Ende gefunden hatte.
Sein Vater war ein Mann von Mitte 60 mit weißem Haar und Bart und buschigen Augenbrauen. Seine immerwährende Bräune und seine schlanke Statur täuschten über sein Alter hinweg.
Jetzt fuhr er dahin mit dem letzten Zug einer ungewissen Zukunft entgegen, um in Israel seinen Frieden zu finden. Einer Heimat, einem Land, wo er noch nie zuvor gewesen war. Und er, David, konnte nichts tun, als dem Zug hinterherzuschauen und zu beten, daß sein Vater heil und wohlbehalten im gelobten Land ankommen möge.
David war sich nicht sicher, ob das zur Lösung des Problems beitragen würde. Schon öfters hatte sein Vater damit gedroht Deutschland zu verlassen, wenn die Übergriffe auf Einrich-
tungen des jüdischen Lebens und die derzeitige antisemitische Stimmung im Volke nicht ge-
stoppt werden konnten. Diesen Umstand hatte er in unzähligen Briefen und in der letzten Zeit auch via internet der Regierung und den Medien vorgeworfen. Überall war das sein Ge-
sprächsthema Nummer eins gewesen, wo er auch hinkam und wen er auch traf. Aber so irgendwie wollte ihm keiner recht zuhören.
Ihm, David, der Jahre nach dem Krieg hier in Deutschland geboren worden war und das alles nur aus Erzählungen kannte, ging dieses ewige Gejammer, Aufwärmen und Lebendighalten des Erlittenen ganz gewaltig auf den Zeiger. Und er hielt mit seiner Meinung nie hinter dem Berg. Er scheute die Auseinandersetzung mit seinem Vater nicht, was dieser ihm wiederum vorwarf.
Vor nicht ganz drei Jahren war diese Streitgeschichte dann eskaliert. Wegen einer Nichtig-
keit war sein Vater regelrecht ausgerastet. Und dann hatte er von dem alten Recht Gebrauch gemacht, das ihm als Familienoberhaupt zustand: Auf der Verlobungsfeier seiner Schwester hatte er ihn, David, seinen Erstgeborenen und einzigen Sohn aus der Gemeinschaft der Familie verstoßen!
Über seine Mutter hatte er erfahren müssen, daß sein Vater seit diesem Tage nur noch ein Schatten seiner selbst war. Er hatte sich aus dem Gemeindeleben zurückgezogen und ließ sich auch in der Öffentlichkeit kaum mehr sehen. Er war ein gebrochener Mann.
Jetzt waren da diese Anschläge auf die Synagogen in Düsseldorf und Essen gewesen um den 10. Jahrestag der Wiedervereinigung herum, die das Faß zum Überlaufen gebracht hatten. Wortlos hatte Vater seinen Koffer gepackt und hatte verlangt, daß David zu ihm gebracht wurde. Als David eintrat, hatte er mit einem Blick die Situation erfaßt. Vater machte seine Drohung wahr.
Der einzige Trost, der ihm blieb, war die Tatsache, daß sein Vater die Verbannung wieder aufgehoben hatte und ihm aufgetragen hatte, sich um Mutter und Schwestern zu kümmern. Dann hatte er sich von ihm zum Zug begleiten lassen. Beim Abschiednehmen beschlich David das ungute Gefühl, daß es wohl ein Abschied für immer sein würde.
Während er noch so dasaß auf dem menschenleeren Bahnsteig und in die Richtung schaute, in der der Zug verschwunden war, erklang auf einmal in seinem Innern ein Lied, welches sein Vater früher zum Akkordeon gesunden hatte:
„Sag nischt kejnmol as du gejst dem letstn weg,
 chotsch himlen blajene farschteln bloje teg,
kumen wet noch undser ojsgebenkte scho,
s’wet a poik ton undser trot: mir senen do!“ *)

David war so in Gedanken gewesen, daß die Zigarette nach nur wenigen Zügen, ganz langsam in seiner Hand verglimmt war. Er nahm noch einen letzten Zug, dann schnippte den Filter auf die Gleise. Langsam erhob er sich und verließ den Bahnsteig, ging durch die Halle zum Parkplatz.
Er startete den Motor und fuhr in der Morgendämmerung einem neuen Leben entgegen. Einen Leben, welches ihm nun die Rechte und Pflichten als Familienältestem auferlegte; aber auch ein Leben ohne seinen Vater, den er trotz allem über alles liebte.
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*)Text: Hans Glik (ca. 1942)
„Sag nie, du gehst den letzten Weg,
wenn auch bleierner Himmel blaue Tage verdeckt,
kommen wird noch unsere ersehnte Stunde,
dröhnen werden unser Schritte: Wir sind da!


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